
«Hier treffen sich alle. Öffentlicher Raum in der Agglomeration»
Dezember 2010
Die Leute, die den öffentlichen Raum nutzen, kommen im neuen Themenheft ebenso zu Wort wie Spezialisten verschiedener Disziplinen. Denn wie schön er auch immer sein mag – erst wenn sich öffentlicher Raum mit neuen Geschichten, Begegnungen und Erlebnissen füllt, wird er zum unverzichtbaren Teil eines Ortes und damit eines farbigen Alltags.
Urbane Lebensweisen sind je länger je weniger an bestehende Stadt- oder Dorfzentren gebunden. Oft sind vielmehr Fussgängerzonen, das Umfeld von Parkhäusern, Sportzentren oder die Entsorgungsstelle die Orte, wo «sich alle treffen». Zu lebendigen öffentlichen Räumen – auch in der Agglomeration – kann letztlich nur ein Ineinandergreifen von soziologischen Analysen, partizipativem Vorgehen und kreativen baulich-räumlichen Eingriffen führen. Diese und weitere Thesen vertreten die Autorinnen und Autoren, die aus Ökonomie, Forstwirtschaft, Städtebau, Landschaftsarchitektur, Soziologie, Raum- und Verkehrsplanung kommen.
Ob öffentlicher Raum funktioniert, entscheiden die Nutzenden
Mit Fragen der Aneignung und Nutzung sowie der Wahrnehmung und Bedeutungszuschreibung befassen sich aus soziologischer Sicht Barbara Emmenegger und Jonas Bubenhofer. Dass unter besonderen Umständen Nutzende selber zu Akteuren werden, die Gestaltung des Raumes in die Hand nehmen und damit einen dynamischen Prozess in die Stadtentwicklung bringen, belegt Klaus Overmeyer im Berliner Beispiel des Mellow Parks am Spreeufer und skizziert damit ein vielversprechendes Zukunftsmodell.
Öffentlichen Raum schaffen heisst, mit bestehenden (Problem-)Räumen umzugehen
In den Agglomerationen gilt es meist nicht nur, den Alltag neu zu denken, sondern die oft verkehrlich bedingten Hindernisse zu überwinden. So entstehen Anreize, sich mit neuen Alltagsnarrativen auseinanderzusetzen, sie anzunehmen und umzudeuten, um sie zu den eigenen zu machen. Das ist der Ansatz Angelus Eisingers, der fordert, dass in der Agglomeration der öffentliche Raum jenseits dörflicher Nostalgie und urbaner Romantik neu erfunden wird. Welche verschiedenen Bedürfnisse im innerstädtischen Frei- beziehungsweise Grünraum und im umgebenden Landschaftsraum aufeinander treffen und wie kreativ mit dem Nutzungsdruck und mit vergangenen Eingriffen umgegangen werden kann, zeigen Ruedi Bättig und Philippe Marti anhand konkreter Beispiele. Der Gestaltung neuer öffentlicher Räume zwischen Trend und Identifizierung widmet sich Christian Tschumi mit seinem Plädoyer für deren ‚Re-Lokalisierung’. Die neue Rolle der Ortszentren im Spannungsfeld zwischen Geschichte und Gegenwart diskutiert Barbara Gloor am Beispiel der Gemeinde Widen.
Öffentlicher Raum ist mehr als nur «Strasse»
Für Siedlungsräume, in denen unsere alltäglichen Wege zur Schule, zur Arbeit, zum kleinen Einkauf, für Nachbarschaftskontakte und ähnliches möglich sind, ohne dass wir motorisierte Verkehrsmittel benötigen, plädieren Marc Schneiter und Yves Meyer. Dass sich die Freiräume in den Agglomerationsprogrammen von den Verkehrsräumen abnabeln und an Bedeutung gewinnen müssen, fordern Adeline Bodenheimer und Peter Marti.